Das amerikanische Laster: Im raucherfeindlichsten Land der Welt erobern Zigarrenklubs den Markt - In Miami werden einige der besten Glimmstengel gedreht

Miami/Chicago (MT/ADN). "Verflucht, wo soll denn diese ominöse Zigarrenfabrik nun sein?!", fragt sich der Autofahrer als er bereits das Dritte Mal durch das kubanische Viertel in Miami (USA-Bundesstaat Florida) kurvt. Die achte Straße (die Einwohner reden auf spanisch nur von der "Calle ocho") hoch und wieder runter. Die Gegend wirkt nicht besonders gefährlich, aber auch nicht unbedingt so vertraueneinflößend wie die Fußgängerzone von Baden Baden und die Sonne sticht unerbittlich. Da endlich, kaum zu erkennen neben einer rosafarbenen Bar und versteckt hinter vergitterten Schaufensterscheiben ist endlich die Schrift zu lesen: "Factory Hand Made Cigar - El Credito - La Gloria Cubana" Hier soll also eine der besten Zigarren Nordamerikas hergestellt werden, so gut, daß die - sämtlich aus Kuba vor Castro geflüchteten - Zigarrendreher gar nicht hinterherkommen.
Zur gleichen Zeit in einem Nobelhotel ein paar Tausend Kilometer nördlich. Im Ritz Carlton Hotel in Chicago trifft sich wieder eine ausgesuchte Runde von Männern und Frauen zu einem vertraulichen Stelldichein in benebelter Runde. Es tagt "The Ritz Cigar Club". Diskutiert wird über "Die Kunst des Rauchens". Das Altern des Tabaks, die verschiedenen Deckblätter und mehr. Die Herrschaften nehmen die Veranstaltung so ernst wie einen wissenschaftlichen Zirkel, immer schön paffend und ab und zu einen Schluck Cognac dazu.
Während Zigarrenraucher in Deutschland wie Assoziale mit deutlichem Hüsteln ihrer Umgebung aus dem geselligen Leben ausgeschlossen werden, ist Mann oder Weib in Amerika mit dem "Torpedo" zwischen den Zähnen mehr als "trendy". Bildhübsche Models lassen sich mit den dicksten Kalibern ablichten, erfolgreich Sportmanager präsentieren sich stolz mit dem gerollten Tabak, Schauspieler werde ohne gar nicht mehr ernst genommen. Wer sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten dagegen mit einer gemeinen Zigarette erwischen läßt, riskiert bald einen Prozeß, weil er seine Mitmenschen zu vergiften droht. Die Regierung handelt mit den Zigarettenkonzernen Milliardenentschädigungen wegen der Behandlung krebskranker Raucher auf Staatskosten aus und die Zigarettenwerbung soll eingeschränkt werden. Gleichzeitig wächst die Auflage des Zigarrenmagazins "Cigar Aficionado" (über 400 Seiten) in schwindelerregende Höhen. Verstehe das wer will.
Den Amerikanern sind die europäischen Zweifler herzlich egal. "Je lauter und hysterischer Deine Gegner werden, um so näher bist Du am Gewinnen", meint gar der Herausgeber von "Cigar Aficionaldo", Marvin R. Shanken. Moderne Zigarrenraucher rauchten nicht mehr wie manche Europäer täglich 20 ausgetrocknete Glimmstengel auf Lunge, läßt er seine Leser wissen. Fast drei Viertel seiner Leserschaft pafften nur drei Zigarren je Woche. Bei Preisen bis über 50 Mark je Stück auch kein Wunder. Trotzdem wirbt die Amerikanische Krebsliga mit Anzeigen auf denen ein Zigarrenabschneider abgebildet ist unter dem steht: "Sie können ihn auch benutzen, um den Tumor von ihrer Lippe zu schneiden." Die Sitten sind hier eben etwa rauher.
An Miamis Calle Ocho kommt bei 35 Grad im Schatten von der Hitze der Debatte wenig an. Zigarren und Tabak gehören zu Kuba seit es Christoph Kolumbus entdeckte. Über Gesundheit hat hier selten jemand zu diskutieren gewagt. Zigarren sind für die von der Insel vor Castro Geflohenen wie für die Daheimgebliebenen ein Stück erschwingliche Lebensqualität mit einer Stunde der Ruhe - so lange brennen die großen Zigarren.
Mit einer Zigarre in der Hand berichtet auch Firmeninhaber Ernesto Perez-Carillo gern über die Familiengeschichte. Begonnen hatte der Großvater und dessen Bruder, als sie 1907 am Straßenrand irgendwo in Havanna auf einem kleinen Tischchen zu drehen begannen und die Glimmstengel für einen Penny verkauften. Der Vater arbeitete schon für eine amerikanische Tabakgroßhandlung als Einkäufer und hatte kurz vor dem zweiten Weltkrieg den richtigen Riecher.
Kein Mensch dachte damals daran, sich der Überproduktion von Tabak anzunehmen und so kaufte er 4.000 Ballen für je einen Dollar, um sie einzulagern. Als dann wenig später der Krieg ausbrach, explodierten die Preise. Der Vater, ebenfalls mit Namen Ernesto, konnte sich selbständig machen und wurde zwei Mal in den kubanischen Senat gewählt. Das politische Engagement fiel ihm nach Castros Revolution auf die Füße. Er wurde mehrmals verhaftet und verließ 1959 die Insel - ohne Geld. In Miami begann er bei Null, führte eine Bar und ein Restaurant. "Geld war für ihn nie das wichtigste", erinnert sich sein gleichnamiger Sohn. Erst 1968 startete er wieder mit dem Zigarrengeschäft. Seine berühmteste Marke wurde "La Gloria Cubana".
Die Geschäfte ernährten ein mittelständisches Unternehmen mit 30 Mitarbeitern. Verkauft wurde über den eigenen Versand oder ein paar wenige Händler. Zigarren kamen aus der Mode und 1985 - fünf Jahre nach dem Tod des Firmengründers - wurde bei 500.000 Stück Jahresproduktion und einem Verlust von 20.000 Dollar der Tiefststand erreicht. Der heutige Inhaber dachte sogar schon ans Aufgeben. Im Frühjahr 1993 wurde die Gloria Cubana aber zufällig von unabhängigen Testern als eine der besten Zigarren weltweit gewählt - der Umsatz drohte über Nacht zu explodieren.
1,2 Millionen Zigarren will Perez-Carillo in diesem Jahr in Miami herstellen. "Unsere Kapazitätsgrenze ist damit erreicht", berichtet er. Besucher finden in der Calle ocho noch immer eine uralte Waage, Handwerkszeug, daß wahrscheinlich noch aus den Zeiten vor der kubanischen Revolution stammt und Arbeiter, die nur Augen für ihre Zigarren haben.
Für den enorm gewachsenen Bedarf mußte eine neue Fabrik in der Dominikanischen Republik eröffnet werden. 230 Leute sollen dort in diesem Jahr rund sechs Millionen Stück rollen. "Wir könnten sogar noch viel mehr verkaufen, aber es ist wirklich schwer bei diesem Zigarren-Boom in den USA noch guten Tabak zu bekommen", berichtet er. Außerdem werden hochqualifizierte Mitarbeiter benötigt - immerhin kostet eine Zigarre rund zehn Mark. Im Stammhaus in Miami liegt das Durchschnittsalter bei 40 Jahren.
178 ausgewählte Händler in den USA führen die Zigarren von El Credito und alle beklagen sich, daß zu wenig Nachschub kommt. "Drei Tage nach einer Lieferung rufen die meisten, daß alle unsere Zigarren schon wieder verkauft sind", sagt Perez-Carillo. Durchschnittlich vier Mal im Jahr erhalten die Händler 40 bis 50 Kistchen. Ein lästiges Problem ist deshalb der Schwarzmarkt. Manche Händler kaufen mit Glück eine Schachtel Gloria Cubana, um sie für den doppelten oder dreifachen Preis im eigenen Laden anzubieten und auch erfolgreich zu verkaufen. "Das Zigarren-Fieber kann eine lange Zeit dauern und wird vielleicht niemals sterben, solange, bis die Industrie sich durch überhöhte Preise selbst das Wasser abgräbt", warnt Perez-Carillo. "Zigarren macht man aus Liebe, nicht weil man damit Geld verdienen will", ist sein Credo.
Von Liebe sprechen auch die Mitglieder im Chicagoer "The Ritz Cigar Club", die sich vierteljährlich im 14. Stockwerk des Hotels versammeln. "Die Tage des heimlichen Genusses auf Feuertreppen und bei Wind und Wetter vor der Tür sind zum Glück vorbei", freut sich New-York-Times-Schreiber Brian Quinton und lobt die plüschig-noble Umgebung für die 30 Club-Raucher im Ritz. "Jährlich verkaufen wir im Haus Zigarren im Wert von 80.000 Dollar (140.000 Mark)", berichtet Hotelsprecherin Susan Moore. Die zwei Spitzenreitermarken kosten elf und 22 Doller (38 Mark) pro Stück.
Zu den Gästen des Ritz Cigar Club gehört der Schauspieler James Woods (Rollen beispielsweise in "Salvador" und "Nixon", zuletzt als schmieriger Präsidentenberater in "Contact"), der vor vier Jahren mit Zigarren anfing und gelegentlich eigentümliche Begründungen dafür abgibt. "Sicher inhaliert man den Rauch nicht, aber man kann einen auf sechs Kilometer Entfernung riechen und das gefällt mir", sagte er in einem Interview.
Zigarrenraucher haben in den Vereinigten Staaten aber auch einige Probleme auszustehen. Angeblich sollen handgemachte Zigarren aus Kuba die besten der Welt sein. 350 Millionen Stück werden dort jährlich hergestellt, davon 100 Millionen für den Export. 500 verschiedene "Havannas" soll es geben. "Es gibt wohl kaum stärkere Symbole für Großkapitalismus und Geldaristokratie als die Zigarre. Selten wirken Industriemagnaten zufriedener oder reicher als mit einer dicken Havanna im Mund. Diese signalisiert Mach, Privileg und Ansehen - und vor allem: Geld. Die Ironie dabei ist, daß die Havannas in einer der wenigen verbliebenen Bastionen des Kommunismus hergestellt werden", bemerkte der Schriftsteller Anwer Bati. Die USA boykottieren die Insel jedoch und die Einfuhr kubanischer Zigarren ist verboten. Nur mit Mühe konnte Schauspieler Woods einmal ein paar Kistchen in seinem Golf-Sack verstecken und mit viel Angstschweiß am Zoll vorbeischmuggeln, berichtet er heute freimütig.
1975 wurde das Ritz Carlton Hotel in Chicago mit 431 Zimmern eröffnet. Als einziges Haus der Stadt hat es 17 aufeinanderfolgende Jahre den Fünf-Diamanten-Status zugesprochen bekommen. Das Renomme stammt nicht unbedingt von solchen Ereignissen wie dem Ritz Cigar Club. Es sind wie überall die "Hausgeister" hinter den Kulissen, angeführt von Hauptgeschäftsführer Nicholas Mutton. "Höre auf deine Angestellten und deine Gäste, nicht auf dein Ego, ist meine Philosophie", sagt er. Seine Mitarbeiter verbringen dafür Höchstleistungen. Chefköchin Sarah Stegner hat in einem Jahr 55 Tonnen (!) Lachs zubereitet und ihr Hotel wurde zum besten Hotel der Stadt gewählt. Speisedirektor Oliver Bottois und sein Team schafften 4.200 Flaschen Champagner auf die Zimmer, Frank Nolans Mitarbeiter pressen täglich 5.000 Orangen. Türsteher Teddy Psychogios bringt pro Jahr 220.000 Gepäckstücke zu den Gästen. Telefonist Davod Hoffmann schickt 25.000 Weckrufe aus. Empfangsmanager Bill Taylor checkt 2.000 Rock-Musiker, Filmstars und Blaublüter aus Königshäusern ein.
Neben den großen Zahlen gibt es auch die vielen kleinen Geschichten. Schuhputzerin Dorothy Raybon beginnt jeden Nacht im 31 Stock und sammelt dann auf dem Weg nach unten alle Schuhe in den Gängen ein. Bis sechs Uhr morgens hat sie durchschnittlich 40 Paar geputzt, an starken Tagen auch mal 120. Nach zig Jahren im Geschäft hat sie ihre Technik perfektioniert und wischt beispielsweise Streusalz im Winter mit Essig weg. 13.000 Paare brachte sie im vergangenen Jahr auf Hochglanz. Silberschmied Tony Pintilescu ist für 15.000 Stücke im Hotel verantwortlich. Jährlich spart er dem Hotel 60.000 Dollar durch seine Reparaturarbeiten. Und Möbeltischler Peter Schuler ist jeden Tag fast zehn Stunden unterwegs, um Zigarettenlöcher, Kratzer, Wasserflecken oder abgebrochene Teile sofort wieder in Schuß zu bringen. Über 10.000 Stücke gehen jedes Jahr durch seine Hände.
Die Gäste sehen von den Aktionen hinter den Kulissen nichts, aber irgendwie müssen sie den Aufwand spüren. Die größte Reisezeitschrift in den USA, "Conde Nast Traveler", wählte das Ritz Carlton 1996 zum besten Hotel der Vereingten Staaten. Danach haben sich das Management und ein Gutteil der Mitarbeiter erst einmal eine dicke Zigarre angesteck - alle Gesundheitsapostel und Trendmachern waren in dem Moment vergessen.
1997

Arbeit bei El Credito in Miami

Fingerfertigkeit

Hier werden die Zigarren nach Farbe in die Kisten sortiert

Präsentation des gesamten Sortiments

Firmeninhaber Ernesto Perez-Carillo raucht selbst gern

In diesem unscheinbaren Gebäude residiert El Credito in Miami

Bietet einen exklusiven Cigar-Club: Das Ritz-Carlton Hotel in Chicago























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