Nur die spanischen Priester fanden den Frauenmangel vorteilhaft - Richter Bills führt zu den Heiligen und Sündern von San Francisco

San Francisco (ADN). In der Stadt von Sankt Franziskus sind die Heiligen rar geworden. 1847 wurde die Siedlung mit 800 Einwohnern an der amerikanischen Westküste offiziell in San Francisco umbenannt. Im Jahr darauf suchte der Goldrausch das verschlafene Nest heim und krempelte es mit Nachwirkungen bis heute um. Statt Heiliger kamen Sünder, von denen die Fremdenführer bis heute leben. Bob Bills ist einer von ihnen. Der einstige Richter am Landesgerichtshof und
Politikwissenschaftler führt Touristen zu den «Saints and Sinners», den Heiligen und Sündern. Sein Urgroßvater war der erste Sheriff von Sacramento - in seinen Händen darf man sich also sicher fühlen.

Die Sünder scheuen das Tageslicht und deshalb geht es schon am frühen Morgen zur Führung zu Fuß. Treffpunkt ist ein Park. Bob wartet schon, wenn ihm der Richter auch nur schwer anzumerken ist. «Ich habe in meinem Leben so viel gemacht, sogar Kochkurse für Stundenten gegeben», berichtet er freimütig. Die Touren begann er vor einem Jahr - aus gesundheitlichen Gründen. «Ich brauche Bewegung», sagt er, während er sich eine leichte Zigarette ansteckt und etwas hüstelt. Eine Stunde und 15 Minuten hat er für die Führung eingeplant. Dazu gibt es ein kräftiges Mittagessen im Preis von 35 Dollar (55 DM) pro Person inklusive (ab sechs Personen 30 Dollar).

San Franciso - Stadt der Liebe, Geburtsort der Blumenkinder, Hauptstadt der Schwulen - im prüden Amerika scheint der Ort eine Ausnahme zu sein. Bob weiß natürlich, warum: wegen des Goldes. Schon 1840 gab es nur wenig Frauen in der Gegend, die ein Zwischenstopp und Reparaturhafen für Schiffe war. «Nur die spanischen Priester fanden den Frauenmangel vorteilhaft. Unverheiratete Indianermädchen wurden nachts sogar unter der Aufsicht alter Frauen eingesperrt», berichtet Bob. 1846 annektierten die USA die Gegend. 459 Leute, darunter 138 Frauen wurden gezählt. 1849 - der Goldrausch fieberte - landeten 10.000 Leute in der Bucht, darunter 200 Frauen. In den kommenden sechs Monaten kamen weitere 24.000, mit nur 500 Frauen.

Prostitution war an der Tagesordnung und weil die Frauen so rar waren, waren sie entsprechend hoch angesehen. «Daneben gab es schon damals eine ganze Reihe Aktivitäten zwischen den Männern», erzählt Bob. Später war die Stadt von Gangsterbanden beherrscht. Clevere Geschäftsleute kauften im Goldrausch alle wichtigen Waren auf, um sie dann für ein vielfaches wieder loszuschlagen. «Das Gesetz von Angebot und Nachfrage hat manche reich werden lassen, die nie einen Krümel Gold ausgruben und manchen Goldsucher lies es auch wieder verarmen, wenn er nach San Francisco zurückkehrte», sagt Bob.

Auf seiner Tour passiert er die schönsten viktoranischen Häuser der Stadt und geht wenn möglich hinein. In einem alten Hotel hebt er beispielsweise vorsichtig die Platten der Beistelltische hoch und zeigt auf die darunterliegenden Nachttöpfe. Dazu gibt es unendlich viele Anekdoten, wie von dem Priester, der hier wohnte. Das Geld der Gläubigen brachte er mit leichten Mädchen und seinem aufwendigen Lebensstil durch. Um seine Spuren zu vertuschen, stapelte er alle belastenden Papiere, stellte zwei brennende Kerzen darauf und fuhr nach Los Angeles für ein Alibi. Zum Pech reagierte der Rauchmelder auf die rußenden Kerzen, die Feuerwehr kam und fand alle belastenden Papier fein geordnet. Der Priester sitzt noch immer ein.

Die Heiligen erhalten bei Bob aber auch eine Chance. Abschluß der Runde ist ein Besuch in der ultramodernen Saint Mary's Kathedrale von 1971 und eine Privatführung zu ihren architektonischen Geheimnissen. Weitere Informationen: Bob Bills, 1515 Sutter Street, Apartment 218, San Francisco, CA 94109-5338, Telefon 001-415-9227181, Internet: www.saintsandsinners.com.

toa/clp


ADN5027 01. Dezember 1998 12:27 Uhr

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