Man kann alles lernen, außer Freundlichkeit - Schweizer Manager führte Four Seasons Hotel Chicago an die Spitze

General Manager Hans R. Willimann
Chicago (ADN). "O sole mio", donnert es aus dem Küchenaufzug als Hans R. Willimann (51) um die Ecke biegt. Dem Kellner bleiben vor Schreck die Noten im Hals stecken und verschämt lächelnd ruft er einen Morgengruß zu seinem Chef. Willimann kann das Lachen nicht mehr halten, formt die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Pistole und ruft strahlend wie ein kleines Kind zurück: "Hab' Dich gekriegt!" Im besten Hotel Nordamerikas hält der Hauptgeschäftsführer offenbar nicht viel von zu großer Distanz zu seinen Angestellten. "Sie wissen wenn es ernst wird und wo nicht zu spaßen ist - wenn es um unsere Gäste geht", meint Willimann. Der gebürtige Schweizer hat das Four Seasons Hotel 1989 in Chicago eröffnet und es von einem Preis zum anderen geführt. "Das liegt nur am Personal", wiegelt er freundlich ab, aber irgendwie ist diese Bescheidenheit glaubhaft. 550 Stellen waren zu besetzen, 18.000 Bewerber meldeten sich - Amerika steckte damals in einer tiefen Wirtschaftskrise. "Mir war egal ob jemand gestern noch Schauspieler oder Kellner war, solange die Leute von innen heraus freundlich sein konnten", berichtet der Hotelchef,
"man kann den Leuten alles beibringen, außer Freundlichkeit."
Wer die mitbringt, und sich bereits ist für sein Hotel mit ganzer Persönlichkeit einzusetzen, dem wird es nicht schlecht gehen. Hinter den
Kulissen ist das Haus so großzügig wie in der prächtigen Eingangshalle. Die Wäscherei - anderswo oft ein stickiges, dampfendes Loch - ist mit einer speziellen Klimaanlage ausgestattet. "Im Winter würden uns bei Dschungelklima sonst zu
viele Leute mit Erkältungen ausfallen, erklärt Willimann. Er grüßt alle Mitarbeiter beim Vornahmen, wechselt wenn möglich ein paar Worte und erkundigt sich nach der Familie. In der "Heuer-und-Feuer"-Arbeitswelt in den USA hat
sich der persönliche Umgang offenbar bewährt. Von den zur Hoteleröffnung eingestellten Mitarbeitern sind fast alle noch an Bord. Das erleichtert die angestrebte Perfektion im Gästeservice und ist billiger, als ständig neues Personal
anzulernen.
Vor den Kulissen sind singende Kellner rar. Man betreut immerhin Geschäftsleute und Publikum, das sich den Aufenthalt ein paar Dollar kosten läßt. Das Four Seasons liegt an der North Michigan Avenue, die in Chicago auch
selbstbewußt Magnificent Mile (zauberhafte Meile) genannt wird. Kaufhäuser, teure Boutiquen und Restaurants säumen die Straße. Hier ist Chicago weit entfernt von seinem vergangenen Schlachthaus-Image (die Stadt beherbergte einst die größte
fleischverarbeitende Industrie der Welt) und glänzt in Marmor, Stahl und Spiegelglas. Daß die Hotelgäste dann manchmal schon eigentümliche Wünsche haben, ist zu erwarten. Im Durchschnitt kommen täglich zwei Anfragen, ob die Betten gekauft
werden können. 150 Stück hat das Hotel im vergangenen Jahr verkauft, allerdings Originale der Herstellerfirma zum Preis von 2.700 Mark. Ein Geschenk-Shop bietet außerdem alles vom Martini-Shaker bis zum Eistee an, was nicht niet- und
nagelfest ist. Der Renner sind "schlafende" Teekannen, die Willimann in Europa entdeckte. "Wie arrogant kann man als Gast nur sein, dachte ich beim ersten Anblick", erinnert sich der Hotelchef. Bei der ersten Begegnung
dachte er noch, ein Gast wolle mit einer umgelegten Kanne auf mangelnden Service hinweisen. Die Kannen "liegen" dabei nur auf dem Tisch bis der Tee durchgezogen ist und werden dann einfach aufgestellt. Der Tee befindet sich in
einer separaten Kammer im Innern der Kanne. Heute wissen das auch die Chicagoer und sie kaufen die Kannen gleich im Hotel. "Manchmal denke ich, wir sind weniger ein Hotel als ein Haushaltswarenladen", scherzt Willimann.
Dann schon ein architektonisch einmaliger Laden. Das Hotel mit seinen 343 Zimmern und Suiten befindet sich in einem Hochhaus mit 262 Metern Höhe und 66 Stockwerken. Im Sockel befindet sich ein sechsgeschössiges Einkaufszentrum mit über 60
Geschäften. Das Hotel selbst nimmt die 30. bis 46. Etage ein. Darunter liegen Büros, darüber die begehrtesten Eigentumswohnungen der Stadt. Für die Gäste ungewohnt ist der kleine Eingangsbereich, erst nach einer Fahrstuhlfahrt öffnet sich
in der siebenten Etage die große Lobby. "Für die Sicherheit unserer Gäste ist das ein unschlagbarer Vorteil", sagt der Geschäftsführer. Für die Gästezimmer gibt es weitere separate Lifte. Hinter den Kulissen zeigt Willimann dann
wieder eine ganz besondere Tafel. "VIP" - verry important persons (sehr wichtige Leute) steht am Anfang, dahinter mit Filzstift ein paar Namen von Prominenten oder Industriekapitänen, die Zimmernummer und deren ganz privaten
Wünsche oder Vorlieben, wie etwa "Zimmer aufräumen nur auf Bestellung". Irgend jemand steht immer auf der Liste.
Für VIP's und jeden anderen Normalsterblichen bietet das Restaurant unter Führung von Spitzenkoch Mark Baker
ausgefallene Leckerbissen. Letzter Schrei ist Essig aus Deutschland, der in 30 Zentimeter langen Gläsern mit fingerhutgroßer Tulpe vor dem Essen serviert wird. Geboten werden mehrere Geschmacksrichtungen zwischen "Weißer Burgunder mit
Orangenblütenhonig" bis "Honig mit Blattgold". Die Urteile liegen zwischen "interessant" und "gar nicht mein Fall". Chefkoch Baker meint dagegen überzeugt: "Essig is it!" Ansonsten ist das
Restaurant mit Blick auf die zauberhafte Meile ein beliebter Treffpunkt vor oder nach dem Einkaufsbummel oder dem Kinobesuch. Das Four Seasons brüstet sich außerdem damit, den einzig wirklich mit Holz beheizbaren Kamin aller Chicagoer
Wolkenkratzer zu betreiben - auch ein Grund, in großbürgerlicher Atmosphäre ein paar Drinks zu nehmen. Die großzügige Bar hat ganz nebenbei auch den Spagat zwischen der in Amerika üblichen "Kriminalisierung" des
Zigarettenrauchens und der neuen Mode des Zigarreschmauchens geschafft. Eine enorme Klimaanlage saugt den Qualm ein und läßt Nichtraucher friedlich bleiben.
Trotz Marmor, dicker Teppiche, luxuriöser Restaurants und Suiten sind
Kinder im Four Seasons willkommen. An der Rezeption werden sie mit ihrem Namen angesprochen, erhalten Plätzchen und Milch oder wenn sie älter sind eine Riesenschüssel Popkorn und Cola. Danach geht es zum hauseigenen Schwimmbad, das
zumindest die älteren Kinder aus der Kinokomödie "Kevin allein zu Haus" kennen. Videoauswahl, Computer- und Brettspiele, eigene Kindermenüs und ein kleiner Teddybär auf dem Bett gehören ebenso zum Programm. Willimann, selbst
Vater von zwei Kindern, sagt: "Sie können das Spielzeug ruhig zu Hause vergessen, wir kümmern uns schon um alles." Die Sorge um den Gast hat sich für Willimann ausgezahlt. Er gehört nach Ansicht von Fachmagazinen zu den besten
Managern der Welt, hat eine Frau, zwei Kinder und ein Haus und führt das beste Hotel der USA (Wertung nach Forbes-Magazin). "Meine Karriere war nur hier möglich", sagt Willimann, der im Alter von 23 Jahren nur mit einem Diplom
der Hotelfachschule und einem Returnticket in die weite Welt aufbrach. "Hier spielt es keine Rolle, wer du bist, ob du einen Akzent hast. Hier sind alle Ausländer und hier zählt nur Leistung."
toa/
Januar 1998

Luftige Seasons

Die große Treppe

Seasons Cafe

Executive Suite

Seasons Restaurant

In dem Pool war "Kevin allein zu Haus"

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