Zu viel Hupen kostet den Führerschein - In der alten chinesischen Hauptstadt Nanking dudeln die Feuerzeuge noch Maos Parteihymne

Nanking (ADN). Nirgendwo auf der Welt fließt der Verkehr ruhiger als im chinesischen Nanking - zumindest akustisch. «Hupen bringt zwei Punkte bei der Polizei und nach acht Punkten muss die Prüfung wiederholt werden», sagt Li Dong. Der Manager einer Reiseagentur kennt sich gut aus im Verkehrswesen, und das muss er in Nanking auch. Sein Motorrad kostete 10.000 Yuan (2.000 DM), ein Nummernschild hat es nicht. Jährlich werden nur 1.000 neue Zulassungen versteigert und die Preise schießen leicht über den Wert eines Motorrades hinaus. Das macht aber nichts. «Die Strafe für Fahren ohne Nummernschild liegt bei 300 Yuan, die meisten Leute fahren ohne», lacht Li. Sein unwiderstehlicher Frohsinn ist das Markenzeichen der ganzen Stadt.
 
   Nanking gehört zu den schönsten chinesischen Städten. In den vergangenen 2.000 Jahren war die 3,7-Millionen-Einwohner-Metropole zehn Mal Hauptstadt des chinesischen Reiches - zuletzt bis 1937. Bis heute erhalten ist die größte Stadtmauer der Erde. 33,4 Kilometer windet sie sich seit dem 14. Jahrhundert um die Innenstadt. Am Fuß ist sie 14 Meter breit, auf dem Kamm immer noch stolze sieben Meter. Ein riesiges Mausoleum mit einer 700 Meter langen Freitreppe erinnert seit den 20er Jahren an den ersten Präsidenten der ersten bürgerlichen Republik Chinas. In der Gedenkstätte für die Opfer des japanischen Massakers 1938 wird auch an den «Oskar Schindler von Nanking», den deutschen Kaufmann John Rabe, erinnert. Er rettete zahlreiche Chinesen vor den japanischen Soldaten.
 
   Mindestens ebenso spannend sind die Geschichten von heute. Nanking ist eine grüne Stadt mit angenehmem Klima. «Jeder Einwohner muss per Verordnung von 1978 elf Bäume in seinem Leben pflanzen», erklärt Li. Das ist für die Betroffenen allerdings nicht besonders schmerzhaft, da Firmen für ihre Angestellten die Bäume finanzieren und an bestimmten Tagen zu Baumpflanzaktionen freigeben.
 
   2.000 Yuan verdient der Durschnittsbürger im Monat, knapp die Hälfte davon kostet eine 50-Quadratmeter-Wohnung, eine billige Firmenwohnung ist schon für 200 Yuan zu haben. «Aber für fleißige Chinesen sind 1.000 Yuan Miete nicht zu viel», versichert der geschäftige Li, dessen Funktelefon immer wieder klingelt. Im kommenden Jahr werden die meisten Wohnungen an die Mieter verkauft - für mehr als einen durchschnittlichen Monatslohn je Quadratmeter. Wer nicht zugreift, muss sich auf höhere Mieten einstellen. Das ist ein Grund für den Geschäftssinn der Nankinger.
 
   Den besten Eindruck vom aufblühenden privaten Handel bekommt der Tourist auf dem Markt am Konfuziustempel. Von Singvögeln über Bonsaibäume gibt es alles. Am beliebtesten bei Europäern sind aber polierte Metallfeuerzeuge mit dem Porträt Maos, die beim Aufklicken die Parteihymne spielen (im Zehnerpack je drei DM). Gleich neben dem Markt steht der Tempel mit großen Hallen für die kaiserliche Beamtenprüfung. In winzigen Kabinen saßen die Anwärter dort bei mehrtägigen Klausuren. Ein Teil der Kabinen ist nachgebaut und mit Puppen in mittelalterlicher Tracht besetzt. Tempel und Markt liegen in einem großen Freizeitviertel mit Restaurants und Kaufhäusern.
 
   Nanking ist Station von Kreuzfahrtschiffen auf dem Jangtse-Fluß. Die in New York beheimatete Firma Victoria Cruises erreicht die Stadt nach sieben Tagen Fahrt durch reizvolle Schluchten und entlang anderer historischer Städte. In Deutschland wird die Tour von Chongking nach Shanghai angeboten von EAT East Asia Tours (Berlin), GeBeCo (Kiel), Air Maritime (München) und Aeroworld (Hamburg). Touristen sollten beim Ausflug Li Dong vom Travel Service JBITS verlangen, wenn sie nicht mit Geschichtszahlen gelangweilt werden wollen, sondern etwas über das Leben der Nankinger erfahren wollen.

toa/tba


ADN5001  22. Nov 99 10:15 Uhr

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