Ein kleiner Schritt für einen Menschen... -
Im chinesischen Fengdu war die alte Höllenstadt einst Parteischule für Maos Revolutionäre
Fengdu (ADN). Der Schritt durch das Tor zur Hölle will wohl überlegt sein. Wenn eine Frau mit dem linken Fuß über die Schwelle steigt, wird sie im nächsten Leben als Mann geboren. Für Männer gilt das Gegenteil. In der mittelchinesischen «Stadt der Hölle», Fengdu, lässt sich die Auferstehung mit etwas Konzentration genau planen. Wenn europäische Touristen mit beiden Beinen über die Schwelle hüpfen, lächeln die einheimischen Begleiter nur. Fengdu ist mehr als 2000 Jahre alt und für Daoisten ein Wallfahrtsort wie Mekka für Muslims. Um mit den vielen Geistern der Stadt und ihrer Bergtempeln zurechtzukommen, braucht es aber etwas Vorbereitung.
Auf dem Ming-Berg mit seinem 1.600 Jahre alten Kloster müssen Besucher drei Prüfungen überstehen, um im kommenden Leben nicht zu arg vom Schicksal gebeutelt zu werden. Wer es lebend schafft, wird jetzt schon
einmal 99 Jahre alt. Zuerst geht es über die «Brücke der Hilflosigkeit», die über den imaginären Blutfluss führt. Im Fluss lauern schon die ersten Geister, die den arglosen Besucher in die Hölle ziehen wollen. Wer die Brücke in drei großen
Schritten passieren kann, hat bestanden. Gehen Ehepaare Hand in Hand, werden sie auch im nächsten Leben vereint. Es stehen sogar zwei Brücken zur Auswahl. Wer die linke nimmt, bekommt Glück und Gesundheit. Die rechte steht für Reichtum.
Ältere Europäer gehen meistens links, junge Chinesen eher rechts.
Die zweite Prüfung ist das Höllen-Tor. Die dritte eine Balance-Übung im Palast des Höllenkönigs. Drei Sekunden müssen einbeinig auf einem
wackeligen Stein durchgestanden werden. Wer versagt, hat Böses zu verbergen. Achtung: Bei Männern zählen die chinesischen Reisebegleiterinnen besonders langsam. Der Höllenkönig selbst gibt täglich Audienz. Sechs Meter hoch und drei Meter
breit thront der Bronzekoloss in seinem Tempel. Er bewahrt auch das Buch auf, in dem Geburts- und Todestag jedes Menschen aufgeschrieben sind. Europäische Namen führt er zum Glück nicht.
Viel wichtiger für die
Besucher ist jedoch eine Visite bei der Königin der Unterwelt in einem Nebenraum. Die nur einen Meter große Tonfigur ist mit einem Seidenkleid geschmückt, schaut deutlich weniger grimmig als ihr Göttergatte, hat aber in einer immer mehr
auf äußerliche Schönheit achtenden Gesellschaft fast mehr Macht. Wenn Frauen sie vier Mal anschauen, werden sie schöner - behaupten zumindest die Chinesen. Manchmal setzt die Wirkung wahrscheinlich auch erst im nächsten Leben ein. Geduld
gehört bei einem Ausflug ins Reich der Mitte eben auch in Höllenfragen dazu.
Fengu liegt am Jangtse-Fluß und die 50.000-Einwohner-Stadt wird in zehn Jahren 35 Meter unter der Wasseroberfläche liegen. Dann hat der
größte Damm der Erde am Jangtse die Region planmäßig geflutet. Die Höllengötter haben gegen die kommunistische Staatsführung wenig in der Hand und konnten nur für sich selbst sorgen. Ihr Tempel - 620 Treppenstufen über der Stadt - wird als
Insel verschont bleiben. Schon in Maos Kulturrevolution hatte die Hölle Glück - sie wurde zur Parteischule umfunktioniert und nicht dem Erdboden gleichgemacht wie viele andere Tempel.
Fengdu ist am einfachsten
per Schiff zu erreichen. Der Ort ist auch Haltepunkt von Kreuzfahrten durch die drei gewaltigen Schluchten des Jangtse-Flusses. «Victoria Cruises» mit Hauptsitz in New York betreibt auf dem Fluß sieben Schiffe mit je 80 westlich
ausgestatteten Kabinen. Informationen gibt es im Internet unter www.victoriacruises.com (in der Katalogliste erscheint «Studiosus Reisen»).
toa/tba
ADN5001 01. Sep 99 10:19 Uhr























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