72 Beine als Fixpunkt auf der Zeitreise durch das Show-Biz - New Yorks `Radio City" glitzert nach 60 Jahren wieder im alten Glanz
New York (ddpADN). Manchmal ist New York wirklich zu groß. "Was machen denn die Mäuse da auf der Bühne", soll ein Zuschauer zur Eröffnung der Radio City Music Hall gefragt haben. "Das sind keine Mäuse, Mensch. Das sind doch Pferde", lautete die Antwort. Das war am 27. Dezember 1932. Der fragliche Zuschauer saß wahrscheinlich in der letzten Reihe und mußte über 6.000 andere Besucher auf die knapp 80 Meter entfernten Tiere sehen. 1995 bringt ein Theaterführer den
gleichen Witz wie einst sein Großvater. Statt zu lachen, bleiben seine Gäste aber mit offenen Mündern in dem Prachthaus stehen.
Die Radio City Music Hall war nach ihrer Eröffnung die Show-Bühne der Welt schlechthin. Und wer
heute von der hektischen 6th Avenue durch die Eingangtüren schreitet, der hat sich in eine Zeitmaschine mit Zielpunkt Art-Deco-Jahrzehnt gesetzt. In gedämpften Licht wird man von der 50 Meter langen und 20 Meter hohen goldglänzenden
Eingangshalle empfangen. Ein prachtvoller Leuchter mit dem Gewicht eines Elephanten hängt an einem bedrohlich dünnen Stahlseil, und um die Ecke könnte jeden Moment Fred Astaire getänzelt kommen.
Da setzt die Zeitmaschine aber kurz
aus und der unerbittliche Führer rekapituliert sechs Jahrzehnte in 60 Sekunden. Die Eröffnungsveranstaltung dauerte fünf Stunden bis in den frühen Morgen. Von 1933 bis 1979 wurden 650 Erstaufführungen auf der zwölf mal 24 Meter großen
Filmleinwand gezweigt, darunter "King Kong", "Frühstück bei Tiffany", "Schneewittchen" und "Doktor Schiwago". Auf Knopfdruck leuchten 500 Sterne und der Mond zieht seine Bahn, leuchten Blitze, fällt
Regen oder Schnee. Die Bühne läßt sich um insgesamt zwölf Meter heben und senken.
Aber in Amerika ist vieles groß und größer und die Zeit ist schnellebig. Das sagt der Führer nicht: Ende der 70er wurde es ruhig um die `Radio
City", wie die New Yorker das Theater kurz nennen. Vielleicht wäre sie geschlossen worden - immerhin hat das gesamte Rockefeller Center, zu dem sie gehört, bis heute eine Milliarde Dollar Schulden aufgetürmt und sucht Käufer. Aber wen
die New Yorker ins Herz geschlossen haben, lassen sie nicht fallen. 1979 erhielt die Radio City den Denkmalstatus und eine Management Gesellschaft.
Das Geschäft läuft wieder. Der Musiksender MTV veranstaltete seine Preisverleihung
hier, der berühmte Grammy Award - Oskar der Musik - wird in der Radio City verliehen. Tina Turner, Madonna, Bette Midler, Michael Jackson standen auf der 860-Quadratmeter-Bühne und natürlich Frank Sinatra. Neben dem alten Mann kann aber
nur noch eine Truppe die großartige Vergangenheit authentisch zurückbringen.
Bei den Radio City Music Hall Rockettes setzt die Zeitmaschine dann auch wieder nahtlos ein. Die Rockettes sind ein Show-Ballett aus 72 langen
Frauenbeinen. Seit der Eröffnung treten sie auf, allerings mit wechselnder Besetzung. An die 36 Mitglieder werden Anforderungen wie in Preußen gestellt. Sie müssen zwischen 1,87 und 1,96 Meter groß und schlank sein. Wenn sie ihre
Beine heben, dann
würde sich nicht nur der Alte Fritz über so viel Gleichmaß freuen. Jedes Jahr im Dezember gibt es mit einem Weihnachtsprogramm den Höhepunkt für die Rockettes und die Radio City - seit 1933.
Um die hübschen
Rockettes nicht mit Mäusen zu verwechseln, sollte man sich einen Fernstecher mitbringen oder einen guten Platz besorgen. Einen Blick auf die besten Sitze und ein echtes Rockettes-Girl gibt es bei den Backstage-Touren. Informationen über:
Radio City Music Hall, 1260 Avenue of the Americas, Rockefeller Center, New York, NY 10020, Telefon 001212/632-4000.
toa/han
300946 August 1995
dan095 3 vm 463 vvvvt ddp/ADN5001 sdt
























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