Für Kanonen viel zu clever - An der Chesapeake Bay hat man ein Motorboot statt den Zweitwagen und Wach-Kater an der Hoteltür

 

St. Michaels (ADN). Im Autoland USA gibt es doch noch Orte, wo
einem der Straßenkreuzer gar nichts nutzt. Statt einen Zweitwagen
haben so die Familien an der Chesapeake Bay zwischen Maryland und
Virginia ein Motorboot vor der Tür stehen. Die Bucht ist auf einer
groben Landkarte zwar nur 312 Kilometer lang, aber durch die vielen
Einschnitte erstreckt sich die Küstenlinie insgesamt über 8.200
Kilometer - ein Paradies für Freizeitkapitäne. Denn wie auf Amerikas
Autostraßen wird rücksichtsvoll gefahren, das Wetter ist mediterran
und die Kriminalitätsrate liegt auf oberbayerischem Niveau.

«Die Leute schließen nicht einmal bei Nacht die Tür ab»,
berichtet Dan Lynch, der Gästen des Inn at Perry Cabin in St.
Michaels/Maryland auf einem schmucken Mahagoni-Motorboot aus den
50er Jahren die Naturwunder zeigt. Prächtige Greifvögel machen Beute
in der Bucht, Fische springen neben dem Boot auf und der Himmel
strahlt im Blau der Nationalfahne. Die Besucher wollen es nicht
glauben. Nur drei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Washington
entfernt sind sie in einem Amerika angekommen, das Hollywood nicht
schöner malen könnte. St. Michaels mit seinen 1.500 Einwohnern hat
wohl die höchste Dichte an Trödel- und Aniquitätenläden, kleine
Holzhäuser und eine Holzkirche säumen die ruhige Hauptstraße.

Selbst in der gefährlichsten kriegerischen Auseinandersetzung
seiner Geschichte ist St. Michaels ungeschoren davongekommen. Als
britische Kanonenboote den wichtigen Werftort 1813 in Grund und
Boden schießen wollten, tricksten die Amerikaner sie einfach aus.
Die Häuser wurden verdunkelt und dafür Laternen hoch in die Bäume
gehängt - die Briten zielten falsch und schossen über den Ort
hinweg. Einen Treffer gab es aber doch: eine verirrte Kugel traf das
Dach eines Handelshauses, rollte über den Dachboden die Treppe
hinunter und blieb liegen. Bis heute schmückt sich die Siedlung mit
dem Beinamen «Stadt, die die Briten narrte». Ausländer ohne
Kanonenboote werden in der Urlaubsregion freilich geliebt.

Das romantischste Hotel in St. Michaels und vielleicht im ganzen
Bundesstaat ist The Inn at Perry Cabin. 1820 wurde das Haus von
Samuel Hambleton errichtet, der im Nordflügel die Kapitänskabine
seines alten Kameraden Oliver Perry nachbauen ließ. Bis 1952 blieb
es Mittelpunkt einer Tabakplantage, dann einer Reitakademie und
wurde schließlich von Sir Bernhard Ashley gekauft - dem Mann der
Designerin Laura Ashley. Er ließ es zu einem Nobelhotel mit 35
Zimmern und sechs Suiten umbauen. Die Inneneinrichtung glänzt mit
alten Möbeln, bunten Kästchen und Nippes aus Omas Zeiten, vergilbten
Büchern, plüschigen Sesseln und winkeligen Gängen.

«Wenn ich auf dem Flohmarkt etwas Nettes sehe, greife ich für das
Hotel immer noch zu», sagt Direktor Stephen Creese. Da kann es dann
auch vorkommen, dass im Lieblings-Schlafzimmer von Margaret Thatcher
vorwiegende antiquarische Bücher in norwegischer Sprache stehen. Ein
richtiger Spleen gehört zu einem britischen Hoteldirektor dazu. So
sind die üblichen «Bitte nicht stören»-Schilder hier durch einen 20
Zentimeter großen Plüschkater ersetzt, der Abends einfach an die
Türklinke gehängt wird.

In diesem Jahr übernahmen Orient Express Hotels das Haus mit
seinem 15 Hektar Ufergrundstück und schlossen es dem
Marketingverbund Preferred Hotels & Resorts Worldwide an.
Informationen gibt es im Internet unter www.preferredhotels.com oder
beim Preferred Hotels & Resorts, c/o marcon, Reifenberger Weg 14,
61389 Schmitten, Telefon 06084-3906, Fax 06084-5512.
Hotelreservierungen gebührenfrei unter 0130-860033.

toa/clp
ADN5001 16. August 1999 10:00 Uhr

 

 

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