Wenn Kakerlaken im Schaufenster für Kunst werben - Miami bietet neben Sonne, Meer und Strand auch Erholung für die feineren Sinne

Moderne Kunst an der Synagoge

Miami (ddpADN). Um die gemeine Kakerlake kann sich im sonnigen Miami/Florida kein Besucher drücken. Im Hotelzimmer sind die bis zu fünf Zentimeter großen Tierchen nicht unbedingt zu sehen, abends auf der Straße schon eher. Wer mit der Begegnung der unheimlichen Art nicht allzulange warten will, der sollte den österreichischen Künstler Gunther Seidl-Rieglhofer in seinem Studio in der Lincoln Road, Miami Beach, besuchen: Im Schaufenster lauert ein Insekt und soll die Blicke schockierter Passanten auf sich ziehen.

Rieglhofer lebte vor seinem Umzug nach Florida zehn Jahre in Paris und sechs in Mailand. Er will eigentlich kinetische, also bewegliche, Objekte schaffen, leben muß er aber noch von Gebrauchsgegenständen - Spiegel und Möbel. Lieber so etwas produzieren, als die Kunst-Unikate verschleudern, ist sein Motto. "Die Sachen sind poliert und glänzen. Der Amerikaner ist wie eine Elster. Er liebt das so und ich kann von leben."

Seit ein paar Jahren nutzt er sein Atelier im Center of the Fine Arts in der Lincoln Road. Etwa 85 Künstler aller Gattungen haben hier eine Nische. Vor zehn Jahren wurde es eingerichtet und bietet einmalige Bedingungen. Die Mieten sind niedrig und werden zum Erhalt des Gebäudes verwendet. Die Nutzer üben sich in Selbstverwaltung und sind Teileigentümer. Ein Studio ist aber noch keine Ausstellung. In Europa war es einfacher. Es gab immer irgendwelche Unterstützungen oder Zuschüsse. "Kunst ist in Amerika Teil der Unterhaltung. Kunst ist hier zuerst Musik, Malerei und Theater", sagt Rieglhofer.

Miami besitzt mit der Greater Miami Opera eines der besten amerikanischen Opernhäuser, das Miami City Ballet, die New World Symphony und das Florida Philharmonic Orchestra. Im Juli 1998 soll ein Kulturzentrum für 175 Millionen Dollar eröffnet werden, das alle Einrichtungen unter einem Dach vereint. Zusammen mit dem nahen Palm Beach und Fort Lauderdale, glaubt Carlos Arboleya, Vizepräsident der Barnett Bank, könnte Miami sogar zur Konkurrenz für New York werden.

Das "Actors' Playhouse" liegt derweil in einer Ecke der Kendall Mall, einem Einkaufszentrum. Was in Deutschland belächelt wird, ist für kleine gemeinnützige Theater in den USA lebensnotwendig. Malls sind die meistfrequentierten Orte. Das Theater im Einkaufszentrum bietet Schauspiel-Workshops für Kinder und Erwachsene. Schulklassen können nach den Vormittags-Vorstellungen mit dem Direktor und den Künstlern zu diskutieren. Ein Programm wurde für Kinder arrangiert. Mit einem Dollar Eintritt ist aber auch das Playhouse nicht zu haben. In dieser Preiskategorie ist das Wolfson Museum Preisbrecher unter den Ausstellungen in Miami. Es besitzt 50.000 Stücke. Die Stiftung wurde 1986 gegründet und unterstützt das Studium amerikanischer und europäischer Kulturgeschichte von 1885 bis 1945.

"Die Europäer sollten nicht immer so geringschätzig über Amerika und seine Kultur denken", sagt eine ältere Dame stolz in der Ausstellung, "Wir haben auch unsere Kunst. Man muß sie nur finden."

toa/tba
01. September 1995

Gunther Seidl-Rieglhofer
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