Sonnenstadt Miami verdankt einer Winterkatastrophe ihre Existenz - Mit rauschender Ballnacht wird im Februar das 100. Jubiläum gefeiert
Miami (ddpADN). Ohne die schreckliche Winterkatastrophe 1894/1895 würde heute vielleicht kein Mensch über Miami reden, geschweige denn dort seinen Urlaub verbringen. Vor knapp 100 Jahren gab es nur ein paar Siedler, Urwald, Mangrovensümpfe, Mücken und kriegerische Indianer. Ein Menschenleben später kommen 1995 über neun Millionen Touristen in die Zwei-Millionen-Metropole im Süden der USA. Der Beginn der goldenen Zeiten soll am 24. Februar mit einer rauschenden Ballnacht gefeiert werden.
Ende des vorigen Jahrunderts war Miami ein Nest und existierte als lebenswerte Stadt eigentlich nur im Kopf der Clevelander Witwe Julia Tuttle, die 1891 mit ihren beiden erwachsenen Kindern ein Stück Land am North Miami River kaufte. Sie hoffte auf den Anschluß an das Eisenbahnnetz des Millionärs Henry Morrison Flagler, der ganz Florida langsam erschloß, Hotels baute und als Pionier des modernen Tourismus gilt. 1893 erreichte die Bahn Palm Beach - 66 Kilometer von der Haustür der Tuttles entfernt. Aber zum Schreck der Witwe erklärte Flagler, kein Interesse am Weiterbau zu haben.
Das war vor dem Winter, der Florida mit eisiger Kälter überzog und fast den gesamten Bestand der wertvollen Zitrusplantagen vernichtete. Anders in Miami, das am südlichen Ende der Halbinsel liegt. Hier standen die Orangenbäume in voller Blüte, der Winter erschien gerade mal als frisches Lüftchen. Die Witwe überzeugte Flagler zum Bahnbau ohne ein weiteres Wort: Sie schickte ihm eine einzige Orangenblüte mit ihrem Absender und der Handel war perfekt. Am 15. April 1896 fauchte die erste Dampflok nach Miami, wo sie von allen 300 Einwohnern euphorisch begrüßt wurde. Die Freude war berechtigt, denn mit dem ersten Flagler-Hotel "Royal Palm" begann der Aufschwung. Am 28. Juli 1896 erhoben Bürger Miami zur Stadt und wählten Flaglers Mitarbeiter John B. Reilly zum Bürgermeister.
1925 war das Wachstum völlig außer Kontrolle geraten und die Liste neuer Vororte wurde immer länger. Doch am 17. September 1926 zerstörte ein Orkan die gesamte Stadt und tötete 100 Menschen. Ein paar Jahre später stand Miami schöner als es je war wieder an alter Stelle. Die folgenden Jahrzente sollten auch nicht ohne Tiefschläge bleiben - Zweiter Weltkrieg, Emigration aus Kuba und Kriminalität gegen Touristen. Jedesmal erholte sich die Stadt von den Einbrüchen.
Die Touristen gaben 1994 rund sieben Milliarden Dollar aus, sie trugen mit 394 Millionen Dollar zur Mehrwertsteuer bei - fast einem Drittel des Mehrwertsteuer-Aufkommens. Eine Viertelmillion Menschen sind im Fremdenverkehr beschäftigt. Nach dem Tod mehrerer deutscher Touristen Anfang der 90er Jahre haben die städtischen Behörden besonders stark reagiert. Die Polizei entwickelte Programme zum Schutz von Fremden und verstärkte ihre Einsätze an kritischen Punkten. Die Deutschen haben Miami verziehen und kommen zurück. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres wurden fast 324.000 Deutsche gezählt - 133 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 1994.
Miami feiert seine Erfolge mit amerikanischen Ausmaßen. Der erste Höhepunkt in diesem Jahr wird der Jahrhundert-Ball am 24. Februar im eigens nachgebauten Royal Palm Hotel, das hinter der Fassade ein riesiges Zelt ist. Erwartet werden 1.000 kostümierte Besucher aus aller Welt, die zu Pferd, in Kutschen oder per Yacht kommen. Das Menü entspricht den ersten Hotel-Speisen 1896, drei Bands spielen Musik aus drei Epochen. Selbst Flagler und Tuttle sollen dabei sein, freilich nur von Schauspielern dargestellt.
toa/tmr
16. Februar 1996

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