Auf der Suche nach dem Onkel in Amerika - Heutiges Hotel "Americans Club" war Ziel für Einwanderer

Eröffnungsfoto
Eröffnungsfoto des Americans Club

Kohler (ADN). Ein paar Stunden nördlich von Chicago ist "Milchland". Der USA-Bundesstaat Wisconsin hat sich diesen Beinamen selbst gegeben, wegen der vielen Weiden, Kühe und Milchfabriken in seinen Grenzen. Spektakuläre Höhepunkte erwarten Touristen in dieser Gegend nicht. Wäre da nicht plötzlich der 1.900-Einwohner-Ort Kohler, in dem die Geschichte deutschsprachiger Einwanderer wie kaum sonst im Mittleren Westen bewahrt wird.

Es soll ein "wirklich glorreicher Tag" gewesen sein, als The Americans Club am 23. Juni 1918 in Kohler eröffnet wurde. Punkt zwei Uhr spielte die 23köpfige Kohler-Band die Hymne von Wisconsin, dann sangen die herbeigeströmten Menschenmassen die Nationalhymne der USA. " Wenn dieser Club neben der Bereitstellung angemessenen Lebensbedingungen auch einen Einfluß auf die Amerikanisierung, größere Liebe zu unserem Land und besserer Staatsbürgerschaft ausübt, dann hat er sein Ziel erfüllt", sagte Walter J. Kohler in seiner Eröffnungsrede. Nach dem Hissen der Flagge öffneten sich die Türen und Hunderte strömten in das Gebäude.

Walter J. Kohler, selbst ein Einwanderer aus Österreich, richtete The American Club zur Unterbringung seiner Arbeiter aus Europa ein, die meist nur deutsche oder österreichische Dialekte, holländisch oder russisch sprachen. Hier konnten sie in hygienischen Bedingungen leben und mit ihrem neuen Leben beginnen.

Kohler hatte aber noch ein weiteres Ziel mit dem Club. Er wollte, daß "seine" Männer in der clubeigenen Abendschule Englisch lernen und amerikanische Staatsbürger werden. Jedes Frühjahr sollten später die Einbürgerungsurkunden mit einem Festakt übergeben werden. Die Kohlerfabrik half vielen mit ihren Familien beim Kauf von kleinen Häusern im Dorf Kohler. Eine Kreditanstalt, deren Anteile den Angestellten gehörten, half ihnen bei der Finanzierung. Viele der damaligen Einwanderer, die den Club 1918 errichteten, sind gegangen, aber noch immer kommen ihre Kinder und Enkel an den Ort zurück, wo für ihre Familie eine neue Zeit mit neuen Möglichkeiten begann. Von einem "Arbeiterwohnheim" ist The Americans Club weit entfernt. Komfort und Bequemlichkeit für die ersten Bewohner hatte Architekt Richard Philipp aus Milwaukee genau vorausgeplant Zusammen mit Kohler bereiste er Gemeinden in Nordeuropa, traf sich mit den Gestaltern des Central Parks von New York und der Harvard Universität und entwickelte schließlich seinen eigenen Plan von einem Dorf mit dem Club als Mittelpunkt.

Zur Zeit seiner Eröffnung war The Americans Club eine fast luxuriöse Einrichtung mit der modernsten Einrichtung in allen Bereichen. "Kohler bestand darauf, daß das Haus zwar seine Kosten wieder einspielte, aber keinen Profit abwarf Mit riesigen Lagerräumen für Nahrung und einer eigenen Farm zur Versorgung der Bewohner konnten die Ausgaben auf einem Minimum gehalten werden", berichtet Pressesprecher Edward Allmann.

Die Betriebszeitung "Kohler of Kohler News" zählte stolz die letzten Anschaffungen auf: elektrische Geschirrspülmaschine, zwei 32-Liter-Kaffeemaschinen, elektrische Kartoffelschäler und Fleischzerteiler und mehr. Unter der Küche lagerten 4.000 Kohlköpfe. Gegessen wurde gemeinsam an großen Eichentischen mit je 14 Stühlen. Ein Zeitungsreporter schrieb euphorisch: " Die Tische biegen sich fast unter dem guten Essen und die Männer können so viel essen, wie sie wollen. Es gibt nur eine Regel im Speisesaal und die ist, alles aufzuessen. Die Manager wollen nicht, daß irgend etwas verschwendet wird." Während der Club als heim für alleinstehende Männer geplant war, stand der Speisesaal der Öffentlichkeit des Dorfes offen.

So eindrucksvoll die Küche und die gewaltige Wäscherei in den 30er Jahren auch waren, die Kegelbahn war doch die größte Attraktion in Kohler. Vier Bahnen waren damals in Betrieb und"Damen wurden spezielle Tage für diesen Sport zugebilligt". Hinter den Spielern hatte eine Eibox Platz, in der es Kirsch- und Orangenwasser oder Zitronenlimonade gab. Immerhin herrschte damals die Prohibition, der Verbot von Alkohol in den USA.

Trotzdem kamen die Kohler-Arbeiter auch in dieser Frage auf ihre Kosten, wenngleich ohne Wissen des Seniorchefs. " Es gab während der Weltwirtschaftskrise nicht viel Geld zur Unterhaltung. Sonntags hatten wir deshalb vier oder fünf Autos vor dem Club geparkt und die besten Reifen an einen Wagen montiert. Damit fuhren wir dann für gewöhnlich ins nahe Sheboygan zu den Schnapsschmugglern", schrieb ein Clubbewohner 1930. Drei Jahre später waren hochprozentige Getränke wieder erlaubt und im Club wurde das Ereignis natürlich gebührend begossen. Nur der deutsche Chefkoch Fritzie Klotz fiel aus der Rolle, weil er sein Bier nicht eisgekühlt trinken wollte. Bis heute wird die Geschichte erzählt, wie er mit seinem Krug in zum Warmwasserbereiter ging, um sein Bier anzuwärmen.

Nach und nach wurde The American Club jedoch nicht mehr zur Unterbringung von Arbeitern benötigt, die meisten hatten eine Familie gegründet und sich eigene Häuser gebaut. In den 30er Jahren wurde ein Teil deshalb als Unterkunft für unverheiratete Lehrerinnen, Sekretärinnen und Telefonistinnen eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnten heimkehrende Soldaten im Club. 1970 wohnten jedoch nur noch 70 Menschen im Club, der gestiegene Lebensstandard machte die Einrichtung langsam überflüssig. Eine Entscheidung über den Abriß oder eine andere Nutzung rückte immer näher.

1978 - 60 Jahre nach der Eröffnung - wurde The American Club ins Nationale Denkmalregister aufgenommen und mußte erhalten werden. Herbert Kohler entschied sich für die Umgestaltung in ein Luxushotel, um das große Anwesen kostendeckend erhalten zu können. Von 1978 bis 1981 mußte der Club für die folgende Renovierung geschlossen werden, um aus 100 Einzel- und 15 Doppelzimmern nur 50 großzügige Hotelräume zu zaubern. Doch bevor das Hotel eröffnete, wurden die Einwohner des Kohler-Dorfes zu einer Tour eingeladen und für viele ältere brachen die Erinnerungen an die Vergangenheit und den Neubeginn in einem fremden Land wieder auf. 1990 wurden weitere 75 Räume angefügt.

Heute besitzt das Hotel 236 Gästezimmer und Suiten sowie ein großes unterirdisches Tagungszentrum. Während die ersten Bewohner 1918 für ihr Zimmer 27,50 Dollar im Monat zahlen mußten, liegen die Preise heute bei rund 80 Dollar pro Person im Doppelzimmer am Tag. "Dafür hat The American Club als einziges Hotel im Mittleren Westen fünf Diamanten als Einstufung und bietet eine Unmenge Attraktionen in der Umgebung", beruhigt Hoteldirektor Jim Beley. Im Club selbst gibt es noch mehrere Restaurants, die, wie "The Immigrant" zu den Besten in den USA zählen. Manchmal kommt es auch hier noch vor, daß die Kellnerin einen Gast auf deutsch anspricht.

Die wenigsten Probleme gab es bei der Einrichtung der Badezimmer. Kohler ist der größte amerikanische Hersteller von Badkeramik- und zubehör. Insgesamt arbeiten 16.000 Angestellte für das Unternehmen, davon 6.000 im Ort Kohler. Die Fabrik befindet sich gleich gegenüber dem Club und wer will, kann sich in zwei Stunden durch das riesige Gelände führen lassen. Begleitet wird er von ehemaligen Kohlerangestellten, die - wenn sie etwas älter sind - sogar noch deutsch sprechen. Bei einem Abstecher ins "Kohler Design Center" finden Besucher ein Firmenmuseum, das jährlich von 120.000 Touristen besichtigt wird. Die "Große Mauer" nach Kohler-Art besteht hier aus Toilettenbecken. Im John Michael Arts Center im nahen Sheboygan können sich Künstler aus aller Welt verwirklichen, die jährlich ein Firmenstipendium erhalten. In der Fabrik fertigen sie große Gußeisenkonstruktionen oder feinere Keramikarbeiten an. Die einzige Bedingung der Kohlers ist, am Ende des Aufenthalts ein Kunstwerk für eine Ausstellung behalten zu dürfen.

Wer nach ein paar Tagen Geschichtstourismus, Golfversuchen, Radtour, Wandern und Fabrikbesichtigung immer noch Platz für neue Eindrücke hat, findet sie vielleicht in einer Art Clubmuseum. An den Wänden hängen Bilder und Einbürgerungsurkunden von ehemaligen Bewohnern. Und wer weiß, vielleicht ist das ja der Anfang auf der Suche nach dem "reichen Onkel in Amerika"?

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1998

 



Einbürgerungsurkunde
Einbürgerungs-
urkunde


Zimmer
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