Von Capones Geheimtreppe über Playboysuite zum Blues-Klub - Chicagoer Knickerbocker Hotel bietet wechselhafte Geschichte
Chicago (ddpADN). Die Tür und die Geheimtreppe zur illegalen Schnapsbar vom Ende der 20er Jahre gibt es noch immer in Chicagos Knickerbocker Hotel. An die wilden 20er, als Al Capone und seine Widersacher die Stadt zum
Sinnbild für Bandenunwesen machten und Alkoholkonsum verboten war, erinnert sonst nur noch wenig. Und wenn Manager Geff Guillory wieder einmal die Geschichte von der Blutlache in der Marmorlobby hört, rollt er nur mit den Augen.
Geburtstag des Hauses war der 16. Mai 1927. Der Detroiter Geschäftsmann James Davis finanzierte den drei Millionen Dollar teuren Bau. Mit seinen 14 Stockwerken und 305 Zimmern gehörte es damals zu den besten Hotels der Stadt. Furore machte
der Ballsaal mit seiner kitschig vergoldeten Kuppel und der `weltgrößten von unten beleuchteten Tanzfläche" mit 760 Lampen unter dicken Glasquadraten.
Der geheimnisvollste Bereich lag allerdings unter dem Dach. Die Ballsäle
dort wurden ursprünglich gebaut, um ein Casino zu beherbergen. Aber während einer Renovierung in den 80er Jahren fanden die Arbeiter die Geheimtreppen zu einem `Speakeasy" (zu deutsch: `sprich leise"), einer illegalen
Schnapstränke zu Zeiten des amerikanischen Alkoholverbotes. Gerüchte gehen, daß von den drei Fahrstühlen immer nur einer bis zur letzten Etage fahren konnte, um konkurrierende Schnapsschmuggler und die Polizei unter Kontrolle zu halten.
Der große Börsenkrach und die Weltwirtschaftskrise brachten auch das Hotel in finanzielle Turbulenzen und es gelangte in den Besitz verschiedener Eigentümer. In den 50er Jahren logierte der spätere Präsident Richard Nixon im
`Knickerbocker", der Gast unter dem Namen Dave Powers entpuppte sich als ein damaliger Senator und späterer Präsident John F. Kennedy. Nachdem die Rolling Stones in den 60ern hier nächtigten, wollten ein paar weibliche Fans -
erfolglos - die Badeinrichtung des Zimmers kaufen.
1970 kaufte die Firma Playboy, Herausgeber des gleichnamigen Herrenmagazins, das Hotel und benannte es in `Playboy Towers" um. Im Innern blieb von Gold und Marmor nicht viel
übrig. Plastik, grelle Farben und die Formen der 70er übernahmen die stilistische Vorherrschaft. Ein Playboy-Geschenk-Shop, Discothek, Playmate-Bar und eine Hugh-Hefner-Suite, benannt nach dem Magazinchef, machten den Alptraum perfekt.
1979 verkaufte Hefner aber wieder.
Über mehrere Zwischeneigentümer kam das Hotel 1995 zur weltweit aktiven Gruppe Regal Hotels International. Knapp 26 Millionen Mark wurden in die Renovierung gesteckt. Heute kommen wieder
`normale" Chicago-Besucher in die freundliche Herberge. Zu den beliebtesten Hotelangeboten gehört das Programm `Rhapsody in Blue". Dabei werden die Gäste mit ein paar schwarzen Sonnenbrillen, Mafia-Hut (so ähnlich wie der von
Honecker, bloß aus Filz) ausgestattet und erhalten Eintrittskarten für die besten Blues-Klubs in der Stadt.
Zur Einstimmung gibt es einen Martini samt Souvenirglas an der Hotelbar. Aber Vorsicht: 44 verschiedene Martini-Sorten
beherrscht der Keeper. Wer nicht aufpaßt, braucht die schwarzen Sonnenbrillen am nächsten Morgen und wird sich kaum an die Tour durch die Klubs erinnern können.
toa/tba
010947 Dezember 1997
dan099 3 vm 421 vvvvt ddp/ADN5001 sdt

Goldener Ballsaal im Knickerbocker






















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