Angst vor der neuen Ruhe - Hong Kong verliert mit altem Airport Kai Tak ein gefürchtetes Wahrzeichen

Anflug auf Kai Tak: immer über die Hochhausschluchten

Hong Kong (AND). Frau Ng Lai-wah fürchtet die neue Ruhe in Hong Kong. "Wahrscheinlich werde ich verschlafen, wenn mich zum ersten Mal im Leben kein Fluglärm um sechs Uhr morgens weckt", sagt sie. Hong Kong hat am Montag eine seiner größten Attraktionen für Touristen und Piloten verloren. Punkt 1.16 Uhr knippste Direktor Richard Siegel den Lichtschalter am Kai Tak Airport aus. "Good bye Kai Tak and thank you", sagte er mit brüchiger Stimme.

23.38 Uhr war das letzte Flugzeug der Dragonair aus dem chinesischen  Chongqing gelandet und hatte zum letzten Mal den extremen Anflug nur knapp über und durch die Hochhausschluchten genommen. "Dieser Flughafen bedeutet mir sehr viel. Von hier flog mein erster Geliebter weg, den ich danach nie wieder gesehen habe", erzählt Passagier Winnie Leung nach der Ankunft. 73 Jahre Geschichte und Geschichten hat Kai Tak angehäuft. Mit ihm endet eine Ära der internationalen Luftfahrt.

Die Herren Ho Kai und Au Tak planten um die Jahrhundertwende eine Gartenstadt in der Gegend, aber ihre Firma brach zusammen. Die Rasenfläche lag brach, bis ein junger Amerikaner 1925 hier eine Flugschule eroeffnete und damit den Grundstein für die Legende Kai Tak legte. 10.000 Passagiere wurden 1939 gezählt. In den 40er Jahren mussten die Straßen gesperrt werden, die die Landebahn verlängerten.

Straßen wurden in der Gegenwart nicht mehr genutzt: bei 28,3 Millionen Passagieren und 1,8 Millionen Tonnen Fracht 1997 wäre der Verkehr zusammengebrochen. Die Bewohner der Umgebung hatten höchstens sechs Stunden Schlaf pro Nacht. Der Lärm war unerbittlich. Der Anflug erfolgte direkt über die Hochhäuser. Manche Passagiere verzichteten deshalb sogar auf einen Fensterplatz. Die Hongkonger konnten nicht so einfach ausweichen. Immobilienmakler Londy Yuen, der in einem der Häuser wohnt, hat deshalb kein Problem mit der Schließung. Gestört hat ihn der Lärm aber auch nicht: "Ich bin einfach erst nach Mitternacht zu Bett gegangen und habe am Tag die alte Klimaanlage angeworfen - da war der Fluglärm weg."

Die Piloten überfällt dagegen Wehmut. "Nirgendwo muss so scharf und tief eingeflogen werden. Der Wind ist kaum kalkulierbar, wenn die letzte 47-Grad-Wendung erfolgt", sagt Flugkapitän Kim Sharman, der zwei Minuten nach Mitternacht den letzten Flug nach London startete. 4.000 Mal ist er zuvor auf Kai Tak gelandet. Am Dienstag geht er in den Ruhestand. Mit ihm werden auch die Computerprogramme für die Flugsimulatoren  von Cathay Pacific Airways verschwinden. Die neuen für den neuen Grossflughafen Chek Lap Kok sind schon installiert. "Wir werden den alten Airport vermissen, auch wenn, oder gerade weil er so verflucht schwierig war", meint Trainer Ian MacNeil.

Seit Montag Vormittag landen alle Maschinen 35 Kilometer entfernt in Chek Lap Kok Airport. Eine Flotte von 1.200 Schwertransportern, 14 Schiffen und 30 Flugzeugen brachte noch in der Nacht die gesamte Ausrüstung in die 8,5 Milliarden DM teure Anlage (36 Milliarden DM mit Infrastrukturprojekten wie Strassenbau). Der erste Flug mit 170 Passagieren traf hier aus New York ein. Insgesamt werden am ersten Tag 70.000 Fluggäste erwartet, die mit einer Urkunde an das Ereignis erinnert werden.

Das Terminal in dem sie ankommen, bricht Rekorde. 1,27 Kilometer ist es lang, 516.000 Quadratmeter gross. Mit einer Kapazität von 35 Millionen Fluggästen jährlich will Hong Kong seine führende Rolle in Südost-Asien halten. Weltweit lag Kai Tak bisher auf Rang drei. Die Konkurrenz in der Region ist groß. 1995 eröffnete Macau für 1,8 Milliarden DM einen neuen Flughafen, 1997 Guizhon in China einen für 260 Millionen DM. Kuala Lumpur in Malaysia nahm Ende Juni dieses Jahres in einer vier Milliarden DM teuren Anlage den Betrieb auf. 1999 sollen Airports in Peking für zwei Milliarden DM und in Shanghai für 2,2 Milliarden DM folgen. Inchon in Korea für 9,7 Milliarden DM und Bangkok liegen auf Eis.

Die sicherste Zukunft hat bei diesem Wettkampf der ausgemusterte Kai Tak. In den kommenden zehn Jahren sollen da, wo bisher Jumbo-Jetsuntergestellt waren, Wohnungen fuer 310.000 Leute entstehen.

toa/tuf

ADN5001 06. Jul 98 09:47 Uhr

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