Touristenbus in Chicago in Schießerei verwickelt - Gangstertourbietet Reise in Al Capones Zeiten - Platzpatronen eingeschlossen
Chicago (ddpADN). Ein Reisebus mit Touristen ist am Sonntag in eine Schießerei in der Chicagoer Südstadt verwickelt worden. Polizei und Medien nahmen keine Notiz von dem Vorfall, weil jede Woche der gleiche Bus betroffen ist. Das 40 Jahre alte Fahrzeug gehört der Firma Untouchable Tours, die in der Regel selbst für die Knallerei verantwortlich ist und deshalb nur Platzpatronen verwendet.
Das können die 20 Fahrgäste zum Beginn der zweistündigen Fahrt durch die Unterwelt-Geschichte der berühmtesten Gangster-Stadt nicht ahnen. Nur die beiden Fahrer "Dixie" (bürgerlich Don Fielding) und "Southside"
(der ehemalige Rundfunkmoderator Craig Alton) sehen etwas verdächtig aus in ihren 20er-Jahre-Anzügen samt Strohhut. Klarer wird es bei der ersten Sicherheitsübung vor der Abfahrt, wenn Dixie Maschinengewehrlaute einspielt und die Reisenden
auffordert, in Deckung zu gehen. Man muß eben vorbereitet sein im alten Chicago, wo die Luft nicht wegen Umweltverschmutzung bleihaltig war.
"Angefangen hat es 1920", berichtet Southside mit tiefer Stimme und fragendem
Blick. Nein, nicht die Prohibition mit dem Verbot des Alkohols, sondern das Wahlrecht für Frauen sollen Schuld gewesen sein. "Weil Politiker für neue Wähler alles tun und Frauen mochten keinen Alkohol", sagt er. Warum auch immer,
im Januar 1920 trat das Gesetz über den Alkoholverbot in Kraft. Chicago war nach Ansicht von Dixie am härtesten betroffen. Deutsche - Erfinder des Bieres - waren die größte Einwanderergruppe, Iren - bekannte Schnapsbrenner - Nummer zwei
und dann kamen die Polen, "die alles getrunken haben".
Ohne Alkohol geriet die Stadt außer Kontrolle der korruptesten Verwaltung Amerikas und fiel in die Hände der Gangsterbanden. Der bekannteste und erfolgreichste
Verbrecher war Al Capone (1899 bis 1947). "Man hat mir jeden Toten vorgeworfen, ausgenommen die Gefallenen des Weltkrieges", hat er von sich gesagt. Mit der Ermordung seines Rivalen Dion O'Bannion begann er 1924 den Bandenkrieg,
dem 1.000 Gangmitglieder zum Opfer fielen. O'Bannion starb bei seinem Blumenladen, wo der Untouchable-Bus kurz anhält.
Der Bus fährt kreuz und quer durch die heute durchaus sichere Innenstadt und die beiden "Gangster"
hinter dem Steuer berichten über zehn der berühmtesten Verbrecher und Schnapsschmuggler, fahren zu ihren Wohn- und Abschußstellen. Ein Höhepunkte ist die Halle von "SMC Cartage Co.", wo am 14. Februar 1929 Al Capones Killer als
Polizisten verkleidet sieben Mitglieder einer feindlichen Gang an die Wand stellten - das "Valentinstag-Massaker" wurde Geschichte.
Das ging so weiter bis 1933 - zum Glück für Untouchable Tours, die so mehr als genug Stoff
zum Erzählen, Schießen und für Spiele mit den Touristen haben. Dann hob die US-Regierung die Prohibition wieder auf und die Schmuggler verloren ihre Existenzgrundlage. Al Capone wurde in der Zwischenzeit nicht nur berühmt, sondern auch
unermeßlich reich. Allein 1927 soll er mit der Kontrolle über den Alkoholschmuggel, das Glücksspiel und die Prostitution über 100 Millionen Dollar verdient haben. Die Verbrechen wies man ihm nie nach. Nur wegen Steuerhinterziehung konnten
ihn die Behörden 1931 zu elf Jahren hinter Gitter und 80.000 Dollar Geldstrafe verurteilen.
1939 wurde er begnadigt. Gestorben ist er an den Folgen von Syphilis am 25. Januar 1947 in Miami. Auf seinem Grabstein in Chicago steht
bescheiden: "Alphonse Capone, 1899 - 1947, My Jesus Mercy". Capone soll zu seinem Ende fast mittellos gewesen sein - Verbrechen zahlt sich eben nicht aus. Informationen: Untouchable Tours, P.O. Box 43185, Chicago, Illinois 60643,
Telefon 001-312-881-1195, Fax
001-312-881-7384.
toa/clp
171019 Juni 1996
dan099 3 vm 485 vvvvt ddp/ADN5001 sdt

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