«Wenn Sie enttäuscht werden, danken Sie dem Himmel» - Reisen in der US-Postkutsche waren noch unbequemer als moderne Billigflüge
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San Francisco (ADN). Mark Twain nannte sie «Wiegen auf Rädern». Die Passagiere, die nach einer Reise ihre Anatomie neu ordnen mußten, hatten andere, weniger stubenreine Wörter für die Postkutschen durch das westliche Amerika um 1860. Aber egal ob Verehrer oder Verächter: Wer eine Fahrt mit dem wichtigsten Massentransportmittel vor Auto und Eisenbahn kaufte, wußte garantiert, daß er ein Ticket für ein Abenteuer erwarb. In San Francisco können verwöhnte Besucher der Neuzeit dieses Abenteuer wiederholen. Im Museum der «Wells Fargo Bank» wurde ein «Concord»-Wagen von 1865 nachgebaut und zum Probesitzen geöffnet.
Selbst die beengten Gepflogenheiten moderner Billigflieger können nicht ganz mit den Herausforderungen in den alten Postwagen konkurrieren. Ein damaliger Passagier schrieb von «40 Zentimeter Sitzplatz mit einem fetten Mann an einer
Seite, einer armen Witwe an der anderen, einem Baby im Schoß, einer Hutschachtel über dem Kopf und drei oder vier Leuten mehr direkt vor einem, die sich alle gegen deine Knie lehnen». Sechs Tage war das sein Sitz- und Schlafplatz. Auf
Reisen in solchen Büchsen ließen sich schnell neue Freunde machen - noch schneller allerdings gab es neue Feinde.
Die Zeitung «Omaha Herald» sah sich genötigt, Überlebenstips für eine Reise im öffentlichen Verkehrsmittel
abzudrucken. Man sollte um Gottes Willen nicht gegen die Windrichtung spucken, niemals über Politik oder Religion diskutieren oder auf Stellen schrecklicher Verbrechen am Wegesrand verweisen, hieß es da. «Erwarten Sie Ärger,
Unbequemlichkeiten und einige Entbehrungen. Wenn Sie enttäuscht werden sollten, danken Sie dem Himmel», meinte der damalige Redakteur, der offenbar Erfahrungen im Reisen hatte.
Trotzdem waren Postkutschen ausgesprochen erfolgreich:
Sogar bis 1918 fuhren die Wagen von Wells Fargo! Oft waren sie die einzige Verbindung zwischen den Städten des Westens und der Eisenbahn in der Landesmitte. Wer Verwandte besuchen, Geschäfte machen oder umziehen wollte, hatte gar keine
andere Chance. Die längste Tour führte 1857 von St. Louis über El Paso und Los Angeles nach San Francisco - 4.500 Kilometer in 25 Tagen. Meist rollten die Wagen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit acht Kilometern pro Stunde, niemals
mehr als 20. Gefahren wurde Tag und Nacht. Nur zum Pferdewechsel oder für einen kurzen Kaffee für die Passagiere stoppten die Räder.
Im Museum der «Wells Fargo Bank» werden die harten Zeiten eindrucksvoll wiederbelebt. Am besten
setzt man sich mit so vielen Besuchern so eng wie möglich in die Postkutsche und hört dann von Tonband die Reisebeschreibung eines verzweifelten Passagiers aus dem vergangenen Jahrhundert. Gezeigt werden außerdem historische Transportboxen
für Gold und Briefe, Goldwaschgerätschaften, Hintergründe zur Expreßpost via Pferd und Telegramm-Verbindungen über Draht. Kinder und Erwachsene können sich von zwei verschiedenen historischen Stationen gegenseitig «anmorsen», und ein
zweistündiger Film berichtet über den Goldrausch in Californien.
Weitere Informationen: Wells Fargo History Museum, 420 Montgomery Street, San Francisco, CA 94163, Telefon 001-415-3962619, Internet www.wellsfargo.com. Der Eintritt
in das Museum ist kostenlos.
toa/sas
ADN5001 26. Okt 98 10:09 Uhr

Ein "Stagecoach" von 1852

Per Bahn wurden die Postkutschen von Concord/New Hampshire nach
Omaha/Nebraska gebracht.






















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