Wie ein Ausflug auf den Mars - Größtes Dammprojekt der Erde soll China vor Hochwasser schützen und wird eine Kultur zerstören


Per Boot durch eine Jangtse-Schlucht

Wuhan (ADN). Ein Ausflug auf den Mars wird kaum anders aussehen. Aus dem Lautsprecher brummt pathetische Musik, der tiefgraue Himmel ist mit schweren Wolken verhangen, mannsgroße Schriftzeichen säumen eine Baustelle nicht von dieser Welt - willkommen am größten Bauprojekt Asiens, dem Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse in China. Fast ängstlich gleitet der amerikanische Kreuzfahrtdampfer «Victoria Princess» (80 Kabinen) zum Bootsanleger. Zu Hause werden die Zeitungen bald vom Hochwasser am Fluß berichten. Hier warten noch die Führer der Dammgesellschaft, um die Passagiere zu agitieren.

Der Staudamm ist für viele der Höhepunkt der achtägigen Fahrt auf Chinas längstem Fluß von Chongqin nach Shanghai. Er ist auf halber Strecke aber auch der schwierigste Teil der Reise, die 1.000 Kilometer weiter im Landesinnern begonnen hat. Schwierig deshalb, weil die vergangenen drei Tage durch eine der schönsten und spektakulärsten Landschaften Asiens führten: die drei Schluchten und ihre Seitenarme. Gleich die erste, die Qutang Schlucht ist mit 150 Metern die engste, bis zu 1.200 Meter reichen die Berge an ihrem Rand in den Himmel. Die Xiling Schlucht bringt es als längste auf 76 Kilometer. Im Nebel wirkt die Landschaft wie eine mittelalterliche chinesische Tuschezeichnung, aber die Neuzeit droht am Damm: Nach der Jahrtausendwende, gegen 2005, werden die Schluchten überflutet.

«Dafür können Besucher dann in bisher nicht zugängliche Schluchten fahren», versucht ein Bootsfahrer mit wenig Erfolg zu beruhigen. Mit den Naturmonumenten gehen auch 828 jahrtausendealte Kulturdenkmäler und historische Stätten verloren. 1,2 Millionen Menschen müssen die 60.000 Hektar Land verlassen, die der Damm überfluten wird. Auf der Fahrt zur Baustelle stoppt die «Victoria Princess» immer wieder in Städten und Orten. Überall warten Führer, die häufig ähnliches zu berichten haben: «Diese Figur ist mindestens 2.000 Jahre alt... Das Graue da unten ist die alte Stadt, die abgerissen wird... 100 Meter weiter oben am Berg bauen wir gerade die neue Stadt, in die wir ab 2003 umziehen - 50.000 Menschen.» Die neuen Städte sehen sich sehr ähnlich.

Die Touristen sehen am alten Jangtse noch Tempel, Märkte und das einfache Straßenleben - eine scheinbare Idylle, die sie gegen ihre dazu vergleichbar luxuriöse Schiffskabine mit Dusche, WC und Klimaanlage natürlich nie eintauschen würden. Touristen haben es einfach, kritisch zu sein. Die kommunistische Partei hat ihre Erklärungen: Der Damm soll die Flutkatastrophen am Jangtse unter Kontrolle bringen, Seeschiffe bis 2.500 Kilometer ins Landesinnere lassen (wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlstand für Millionen) sowie die Strommenge von 26 Kohlekraftwerken produzieren (vermeidet die Verbrennung von 50 Millionen Tonnen Kohle jährlich).

Kritiker verweisen auf die Änderung des Klimas in Mittelchina, Auswirkungen auf das Klima im ostchinesischen Meer, weil die Wassermassen des Jangtse nicht mehr ankommen, und einen dramatischen Artenverlust. Mehrere kleinere Dämme würden das Hochwasser nach Einschätzung anerkannter Experten besser kontrollieren können. Zum Schutz des 185 Meter hohen, 1.983 Meter langen und 60 Milliarden DM teuren Damms wurde von der Regierung eine eigene Armee gebildet.

Touristen sollten sich mit dem Besuch der schönsten Gegenden Chinas beeilen. 2003 wird der Damm fertig, nur vier Jahre sind die Schönheiten am Jangtse noch zu besichtigen. «Victoria Cruises» mit Hauptsitz in New York betreibt auf dem Fluß sieben Schiffe mit je 80 westlich ausgestatteten Kabinen der gehobenen Mittelklasse. Informationen gibt es im Internet unter www.victoriacruises.com. Als deutscher Veranstalter wird «Studiosus Reisen» in München genannt.

toa/clp
ADN5001 13. Jul 99 09:44 Uhr



Damm-Baustelle


Jangtse-Schlucht heute


Damm-Baustelle


Schiff von Victoria-Cruises

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