Eine Kuh als Stadtentwickler - Architekturverein bietet Besuchern von Chicago 60 Touren mit zusammengerechnet vier Tagen Fußmarsch an

Chicago Skyline
Chicago (ADN). Das
Bild in der Chicago Historical Society kann nur ein Mißverständnis sein. Die Kuh blickt irgendwie wahnsinnig und Frau Leary, die davor auf dem Melkschemel hockt, hat den gleichen bösartigen Blick drauf. Angeblich soll die Kuh am 8. Oktober
1871 die Petroleumlampe umgestoßen haben, was ja noch nichts schlimmes wäre. Aber als dann der Stall in hellen Flammen stand, ging auch die Nachbarschaft und schließlich die ganze Stadt - insgesamt 18.000 Gebäude - im Rauch auf. Ein Drama,
gewiß. Doch nach diesem Brand wurde Chicago im Aufbaufieber für Jahrzehnte die Welthauptstadt moderner Architekur, entwickelte den Wolkenkratzer (vor New York) und führt in vielen Bereichen noch bis heute.
Wer sich ein par gute
Wanderschuhe besorgt hat, kann sein Architekturwissen bei fast 60 ein- bis zweistündigen Touren mit freiwilligen Dozenten der Chicago Architecture Foundation auf Vordermann bringen (zusammen wären das rund vier Tage ununterbrochenes
Marschieren). Die gemeinnützige Gesellschaft wurde 1966 gegründet, um öffentliches Interesse für bedrohte Baudenkmäler zu schaffen. Statt Langeweile bieten die Führer viel Hintergründiges und jede Menge Anekdoten. Ohne das arme Rindvieh
von Frau Leary wäre die Stadt wohl nur Durchschnitt geblieben, berichten auch sie.
«Macht keine kleinen Pläne. Sie haben nicht den Zauber, das Blut in Wallung zu bringen», forderte Daniel Burnham 1909 bei der Vorstellung seines
großen Plans für Chicago. Ganz verwirklicht wurde sein Idealbild mit breiten Avenuen wie in Paris zwar nicht, aber die Stadt setzte sich trotzdem an die Spitze immer neuer Entwicklungen. Heute ist Chicago ein lebendiges Architekturmuseum,
wirbt die Rathausabteilung Department of Cultural Affairs.
Namen wie Louis Sullivan, Frank Lloyd Wright, Ludwig Mies van der Rohe und schließlich der Deutsche Helmut Jahn haben ihren Stempel aufgedrückt. Da wäre zum Beispiel Frank
Lloyd Wright - der spätere Architekt des New Yorker Guggenheim-Museums. Er hatte dem Vorort Oak Park um die Jahrhundertwende seinen Stempel so sehr aufgedrückt, daß die Kleinstadt mit S-Bahnanschluß ins Chicagoer Zentrum am Wochenende von
Architekturtouristen Straße für Straße erkundet wird.
Manchmal wird es den Bewohnern der Denkmalvillen zu bunt und sie beklagen sich über den Ansturm. Andere, wie Restaurants, Hotels und Geschäfte, sehen in Wright dagegen ihren
Glücksbringer. «Ich frage die Kritiker immer, ob sie sich jemals an ein Verbrechen hier erinnern könnten», meint Gloria Onischuk. «Es klaut einem eben keiner den Fernseher aus dem Haus, wenn davor 20 Leute stehen und sich über den Baustil
unterhalten!» Gloria betreibt in ihrem schmucken (nicht von Wright gebauten) Haus eine kleine Pension.
Chicago konnte sich bis 1996 auch mit dem höchsten Gebäude der Welt, dem Sears Tower, schmücken. Heute wird er jedoch um sieben
Meter von den Petronas Towers in Kuala Lumpur in Asien überragt. Die Führer der Chicago Architecture Foundation sind natürlich todunglücklich und wollen anhand kleiner Grafiken beweisen, daß ihr Wolkenkratzer noch immer die Nummer Eins ist
- leider vergeblich. Trotzdem sind 443 Meter Höhe und 110 Stockwerke nicht zu verachten.
Die Tourismusindustrie profitiert mit 26 Millionen Besuchern im Jahr von der Einzigartigkeit der Stadt. Die Stellung Chicagos als
Architekturmetropole, Einkaufszentrum und größtes Flugverkehrskreuz der Erde bringen ihr mehr als zwölf Milliarden Dollar im Jahr ein. Weitere Informationen gibt die Chicago Architecture Foundation, 224 South Michigan Avenue, Chicago, IL
60604-2501, Fax 001-312-922-0481.
toa/clp
ADN5002 20. Feb 1998 09:50 Uhr

Das Wrhigley-Building

Downtown um 1900

"Al Bundy"-Brunnen

Von Wright designtes Haus






















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