«Alcatraz war das schönste Zuhause» - US-Hochsicherheitsge fängnis
lockt ehemalige Bewohner und Touristen
gleichermaßen an

Alcatraz im Nebel
San Francisco (ADN). Das
bekannteste Hochsicherheitsgefängnis der USA - Alcatraz in der Bucht vor San Francisco - gibt unlösbare Rätsel auf. «Alcatraz war das schönste Zuhause, das ich je hatte», erinnert sich Jolene Babyak. Ihr stimmen 75 Männer und Frauen zu,
die 1961 als Kinder auf der kurz «the Rock» genannten Gefängnisinsel lebten. Ihre Väter arbeiteten als Aufseher, Ingenieure oder Köche. Die Familien lebten unterhalb des Zellenblocks in einer eigenartigen Idylle mit Blick auf die San
Francisco Bay und die Golden Gate Brücke. Heute ist Alcatraz ein Nationalpark und Frau Babyak kommt immer wieder zurück. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und spricht mit den Besuchern über das wahre Leben vor und hinter den Mauern.
Im Film «Flucht von Alcatraz» sagt der Aufseher zum Neuankömmling Frank Morris (Clint Eastwood): «Wenn du die Regeln der Gesellschaft brichst, schickt man dich ins Gefängnis. Wenn du die Regeln des Gefängnis brichst, schickt man dich
zu uns.» Alcatraz war letzte Station für notorische Aufrührer, Gewalttäter oder Ausbrecher, die in normalen Haftanstalten ein zu großes Risiko wurden. 1934 kamen die ersten Verbrecher auf den Felsen. «Sie haben Recht auf Nahrung, Kleidung,
Unterkunft und medizinische Versorgung. Alles andere, was Sie bekommen können, ist ein Privileg», hieß es im Regelbuch.
Alcatraz war zur Bestrafung da, nicht zur Rehabilitation. Die Zellen waren klein und kalt: 1,70 Meter breit,
3,10 Meter lang und 2,40 Meter hoch. Das Waschbecken hatte nur einen Kaltwasserhahn, die Toilette keine Brille. Fenster gab es nicht, dafür war die Front ein einziges Gitter mit Blick auf eine dreistöckige Reihe gleicher Zellen.
Privatsphäre war so unvorstellbar. Bei jeder Bewegung und selbst im Schlaf schauten Wärter und andere Gefangene zu - 16 bis 23 Stunden täglich brachte man in der Zelle zu. Von draußen brachen Geräusche der zehn Kilometer entfernten
Großstadt ein.
Alcatraz war ein Produkt der 20er und 30er Jahre und deren ausufernden Gangsterunwesen. Es war ein Versuch, der sich zumindest in den Anfangsjahren zu bewähren schien. Abgesehen von der psychischen Grausamkeit war es
um die Insassen in Alcatraz oft besser gestellt als in anderen Gefängnissen. Essen konnten sich die Häftlinge nehmen so viel sie wollten - wer allerdings seinen Teller nicht schaffte, bekam am nächsten Tag nichts. Durchschnittlich saßen
260 Männer ein, bei insgesamt 336 Zellen. Hinrichtungen wurden nicht durchgeführt, dafür kam es zu fünf Selbstmorden und acht Morden - bei 1.545 unterschiedlichen Insassen mit je rund 15 Jahren Haftzeit.
Bekanntester Zellenbewohner
war Gangsterboß Al Capone, der von 1934 bis 1939 hier einsaß. Im Gefängnis von Atlanta hatte er sich mit seinem Geld zu viele Privilegien gesichert und sein Imperium weiter gesteuert - damit war es in Alcatraz vorbei. 36 Häftlinge waren in
14 Ausbruchsversuche verwickelt. 1962 («Flucht von Alcatraz») verschwanden drei für immer - man nimmt an, sie sind im zehn Grad kalten Wasser ertrunken. 1963 kam die Schließung - sechs Millionen Dollar jährliche Kosten und anstehende
Renovierungsarbeiten machten Alcatraz unbezahlbar. Heute strömen Touristen durch die Zellenblöcke. Geführt werden sie per Kopfhörer mit den aufgezeichneten Stimmen echter Wärter und Insassen.
Weitere Informationen über Blue &
Gold Fleet, Pier 39 Marine Terminal, San Francisco, CA 94133, USA, Telefon: 001-415-7058200, Fax: 001-415-705-5429. Am besten ist ein Kombi-Ticket für Angel Island und Alcatraz mit eingeschlossener Führung für 30 Dollar (50 DM).
toa/clp
ADN5001 01. Februar 1999 10:40 Uhr
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Der Zellenblock vom Hof aus gesehen.






















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