Blick in Clintons Schlafzimmer und eine Geisterfrau - Näher kann man dem Präsidenten nachts nicht kommen als im feinen Hay-Adams Hotel

Blick zum Präsidenten
Blick aus einem Adams-Zimmer

Washington (ADN). «Wenn sie bei uns schlafen, könnten sie sich einbilden, der Präsident hat sie eingeladen», scherzt Hotelchefin Pelagia Vincent. Das Hay-Adams Hotel in Washington ist das einzige Privatgebäude in direkter Nachbarschaft zum Weißen Haus. Näher kann sich also kein Durchschnittsmensch dem amerikanischen Präsidenten bei Nacht nähern. Die Zimmer am Lafayette Park schauen Bill Clinton fast ins Schlafzimmer und die Dachterasse des Hotels kann nur für Feiern genutzt werden, wenn der Sicherheitsdienst sein O.K. gegeben hat.

Besucher aus aller Welt sind begeistert, aber nur wenige wissen, daß hier - einen kurzen Fußweg vom Präsidenten entfernt - ein Geist spukt. Ein weiblicher Geist natürlich. Wo heute das Hotel steht, befand sich seit 1884 das Heim von Henry Adams, dem Außenminister von Theodore Roosevelt. Dessen Frau Marian starb unter mysteriösen Umständen. Behauptet wird, sie habe sich aus Einsamkeit das Leben genommen. Immerhin war Henry meist auf Reisen und erwähnte sie später nicht einmal mit einem Wort in seiner Autobiografie. Ihr Grabmal auf dem ältesten Friedhof der Stadt durfte keine Inschrift und kein Todesdatum tragen, nur eine Statue einer traurigen Frau mit langgezogener Kapuze: genug Material für Abergläubische also.

Besucher des Adams-Haus hörten gelegentlich eine Frau weinen. Es soll angeblich nie wieder richtig warm geworden sein, selbst wenn alle Kamine brannten. Manche wieder sahen eine Frauengestalt in einem Schaukelstuhl sanft wippen und wer ihre starrenden Augen sah, versteinerte nahezu vor Angst. Zur Beruhigung für heutige Touristen: Marian hat ihren Schaukelstuhl nie verlassen. Sie schrie plötzlich nur schrecklich laut oder «wippte frenetisch», um sich gleich danach in Luft aufzulösen. Die Bronzestatue auf dem Friedhof hat es ebenfalls in sich, wer nur lange genug in ihre Augen sieht, wird plötzlich starrende Pupillen wahrnehmen und sich furchtbar einsam fühlen, berichteten Zeitungen der Jahrhundertwende.

Im sicheren Hotel soll Marian noch keinen Gast erschreckt haben, zumindest hat sich noch niemand bei Frau Vincent beschwert. Marian könnte sich höchstens in die Keller des Weißen Hauses verzogen haben. Vielleicht liegt es daran, daß das Adams-Haus 1927 abgerissen wurde und mit ihm auch das Nachbargebäude von John Hay, dem Privatsekretär von Präsident Lincoln. Seit 1928 steht nun das Hotel mit unverbautem Blick zum Machtzentrum der Welt. 90.000 Dollar hat der Bau in einem Stil, der als italienische Renaissance beschrieben wird, damals gekostet. Tatsächlich ist es eine bunte Mischung aus dorischen, ionischen und korinthischen Elementen. Innen dominiert das Ambiente eines englischen Clubs mit einem Mix aus Tudor, elisabethanischem Stil und ein bißchen italienisch.

Die Gäste scheinen das Durcheinander zu mögen. Dafür verwöhnte sie das Hotel in seiner Geschichte mit zahlreichen Neuerungen: In den Suiten der Anfangsjahre gab es ein Dienerquartier, fließendes Eiswasser und Marmorbäder. 1930 führte das Hay-Adams das erste Restaurant mit Klimaanlage ein - im schwülen Washingtoner Sommer natürlich ein enormer Anziehungspunkt. Heute gehört die «Off The Record Lounge» zu den beliebtesten Treffpunkten der Stadt. Das führende amerikanische Reisemagazin «Conde Nast» hat das Hotel mit 143 Zimmern 1997 und 1998 in seine goldene Liste aufgenommen. Besitzer ist seit 1989 eine kleine Gruppe von Privatinvestoren.

Weitere Informationen gibt es bei Preferred Hotels & Resorts Worldwide, Schützenhüttenweg 30, 60598 Frankfurt/Main, Telefon 069-68609046, Fax 069-682008.

toa/clp


ADN5001 09. Okt 98 09:55 Uhr

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